Evangelische Petrusgemeinde Dessau-Nord

Evangelisch aus gutem Grund

20 Jahre nach dem Fällen der Mauer

9. November 2009

Brief aus Purley an die Gemeinden in Dessau und Speyer

Predigt in Speyer – Oberkirchenrat Seifert

Predigt in Dessau – Dekan Jakob

Anlässlich der Ereignisse vor zwanzig Jahren schrieben uns unsere Partner aus Purley einen Brief und Manfred Seifert aus Dessau predigte am 1. November in Speyer in der Gedächtniskirche. Im Gegenzug kam Friedhelm Jakob am 8. November aus Speyer nach Dessau, um bei uns die Predigt zu halten. Den Brief und die beiden Predigten können Sie im Folgenden lesen.

Purley, den 9. November 2009

Liebe Freunde in Dessau und Speyer!

An diesem 20. Jahrestag von dem Berliner Mauerfall grüssen wir euch recht herzlich aus Purley. Dieser Tag vor 20 Jahren war ein wichtiger nicht nur für Deutschland, sondern auch für ganz Europa. Und auch wenn die Jahre inzwischen teilweise ihre Probleme mitgebracht haben, freuen wir uns, dass es nach den langen Jahren der schwierigen Kommunikation unter den Gemeinden unserer Kirchenpartnerschaft auf einmal möglich war, uns problemlos zu treffen und Gespräche und Freundschaften weiter zuführen.

Dieser Jahrestag fällt unmittelbar nach dem Sonntag, wo in Grossbritannien jährlich an die Opfer des Krieges gedacht wird, dem sogenannten „Remembrance Sunday“.

Gestern haben wir wie immer diesen sehr wichtigen Gottesdienst gefeiert, aber auch gleichzeitig an den Mauerfall gedacht.
Mit Dankbarkeit dachten wir an die Versöhnung, die nach den Jahren des zweiten Weltkrieges gewachsen ist in unseren beiden Ländern durch die ersten Schritte, die einzelne Menschen unternommen haben, indem sie Grenzen überwunden und Vorurteile unterbrochen haben. Diese Schritte waren für die Partnerschaft die erste Etappe: ohne den Einsatz dieser Menschen wäre es für uns alle unmöglich gewesen, unsere Verbindungen zu verbreitern und zu vertiefen.
In den letzten 60 Jahren hat sich vieles in unserer Weld verändert und als Christen werden wir immer dazu aufgerufen , uns für Frieden und eine gerechtere Welt einzusetzen. In diesem Sinne war es also passend, dass ausgerechnet gestern in unserem Kirchengebäude eine Konferenz statt fand, wo wir mit muslimischen Freunden zusammensassen, um uns mit dem Thema „Liebe für alle, Hass für niemanden“ zu beschäftigen. Dort, wo wir früher über Versöhnung unter Christen sprachen, sollen wir jetzt über Versöhnung unter den verschiedenen Glaubensrichtungen sprechen.

An letzter Stelle erinnern wir uns an die Worte eines uns sehr gebekannten und beliebten Kirchenliedes:

Herr, du bist Richter! Du nur kannst befreien.
Wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da.
Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen,
soweit, wie deine Liebe uns ergreift.EG 653 / R&S 108

Dieses Lied sangen wir auch gestern in Purley.

In diesem Sinne grüssen wir euch ganz herzlich und wünschen euch und uns allen für die nächsten 20 Jahre Gottes Segen und alles Gute.

Rev’d Russel Furley-Smith
Minister
Purley United Reformed Church

Felicity Harris
Convener
World Church Partnership Committee

Predigt in Speyer

Der Friede Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei unter uns allen. Amen

Zuerst ein herzlicher Gruß aus der anhaltischen Partnerkirche und der Petrusgemeinde Dessau als Partnergemeinde der Gedächtniskirchgemeinde Speyer.

Ich bin heute hier als Gastprediger im Rahmen des Kanzeltausches zwischen anhaltischen und Pfälzer Gemeinden anlässlich des Gedenkens der Ereignisse vor 20 Jahren.

Eigentlich kein Kanzeltausch, sonder Predigeraustausch. (Sie müssen also nicht um ihre Kanzel fürchten, sie bleibt hier.) Die Prediger werden es sein, die wechseln. So wird am kommenden Sonntag in Dessau in der Petruskirche Dekan Friedhelm Jakob die Predigt halten.

Besonders in der Zeit der staatlichen Trennung war die besondere Gemeinschaft der Christen und Kirchen von nicht zu unterschätzender Bedeutung für uns in der DDR und für unser Volk. Welche Bedeutung die Partnerschaft für Sie im Westen hatte, ist eine Frage, die nur Sie selbst beantworten können. Ich bin allen, die diese Partnerschaft über die Mauer hinweg gepflegt und mit Leben erfüllt haben, von Herzen dankbar. Auch sie haben zu den Veränderungen in der DDR und im Vereinigungsprozess wesentlich beigetragen. Die Partnerschaften haben uns immer wieder gezeigt, dass wir Teil einer weltweiten Kirche Jesu Christi sind und hier nenne ich die Gemeinden in Hartford, Purley und Ostrava – was für eine Ermutigung in der babylonischen Gefangenschaft – was für ein Zeugnis in der Zeit des kalten Krieges.

Doch nun zur Sache: Grundlage der Predigt ist die Jahreslosung 2009:

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Lukas 18,27

Ein Eindruck, der sich in mir in den vergangenen 20 Jahren zur Gewissheit verdichtet hat, ist: Ich habe eine Glaubenserfahrung gemacht in den Tagen von 1989, die ich mir so vorher gar nicht vorstellen konnte.

Biblische Geschichten, Psalmen, einzelne Sätze der Bibel und Kirchenlieder haben unmittelbar zu mir gesprochen und diese Sprache war zugleich vielen verständlich und wurden teilweise alltäglich.

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

Als Tausende nach Gebeten mit Kerzen auf die Straßen gingen – als sich neue Parteien gründeten, die bereit waren, für dringende Veränderungen Verantwortung zu übernehmen – als die Mauer fiel – als die Einheit zu organisieren begonnen wurde – da waren wir wie die Träumenden.

Wahnsinn! Das war das tägliche Stichwort – Ausdruck des Staunens – des Dankes – gleichsam ein Dankstoßgebet. Wahnsinn!

Wenn dein Sohn (oder deine Tochter) dich fragen wird, was der Grund deines Glaubens sei, dass Gott ermöglichen kann, was Menschen unmöglich ist, so Antworte: Es ist unsere Erfahrung, die wir mit dem Befreiungshandeln Gottes gemacht haben, der uns aus der Sklaverei in Ägyptenland geführt hat.

Sklaverei – was ist denn Sklaverei?

Maximale soziale Sicherheit bei minimaler Freiheit – das ist Sklaverei. Und das, genau das haben wir erlebt.

40 Jahre DDR – Exodus – Wüstenwanderung hin zu blühenden Landschaften – dem gelobten Land.
Hier wurden oft die Bilder vertauscht. Viele meinten, mit 40 Jahren DDR die 40 jährige Wüstenwanderung bereits hinter sich zu haben und nun direkt in das Land, wo Milch und Honig fließt, (wo alles Banane ist) einziehen zu können. Es war aber andersrum, nach der Befreiung kamen die Wüstenerfahrungen, an deren Ende das gelobte Land erhofft wurde. Diese Hoffnung steht noch aus in ihrer Erfüllung.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig!

Gottes Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Sie hat sich gezeigt in der Forderung, dem Wunsch, der Bitte: „Keine Gewalt!“ Eine gewaltige Bewegung!

Kerzen und Gebete – aus den Kirchen auf die Straße – Aufbruch! Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Die Wahrheit macht frei – die Lüge nimmt gefangen.

Kerzen und Gebete – die Möglichkeiten kleiner Lichter, die wir waren im Gegensatz zu den Herrschenden, die sich im schaurigen Schummer der Fackeln wie 40 Jahre zuvor und jedes Jahr aufs neue feiern ließen.

Glaube wurde fassbar – für viele – längst nicht für alle, die beteiligt waren.

Wir waren wie die Träumenden.

Man kann aber nicht 20 Jahre träumen – sein wie Träumende! Schnell hatte uns der Alltag wieder. Manche sehnten und sehnen sich zurück. Ägyptenland lässt immer wieder grüßen. Es war doch nicht alles schlecht. Der erste Kuss, die Liebe, das Wetter, die Freundschaft und vieles mehr.
Nein, es war nicht allen schlecht. Wer sich nicht bewegte, spürte die Fesseln kaum und wer sich nicht aufmachte, wurde auch weniger verletzt. Wer nicht losging, kam auch nicht an die Grenzen.

Babylonische Gefangenschaft – die Menschen mussten sich anpassen. Das war das Thema in Babylon. „Suchet der Stadt Bestes!“ Ratschlag des Propheten an die Weggeführten, sich anzupassen. „Kirche im Sozialismus“ war die Formel, die aber nicht bedingungslose Anpassung beinhaltete, sondern eine trotzige Behauptung, dass auch unter den gegebenen Umständen Gott seine Kirche bauen und erhalten will und dazu Zeugen braucht, wo er sie hingestellt hat.
Die „angepassten“ mussten dann nach der Rückkehr mit den zu Hause gebliebenen zusammenarbeiten. Die aus dem Osten mit denen aus dem Westen. Das ist nicht immer gut gegangen, aber in vielen Fällen doch. Biografien wurden gebrochen, Träume ausgeträumt. Veränderungen solchen Ausmaßes haben keinen unberührt gelassen. Bei den zu Hause gebliebenen, im Westen – Jerusalem liegt westlich von Babylon – schien sich nichts wesentliches zu ändern. Nur das die nach Hause gekommenen viel Unterstützung brauchten – und auch erhielten. Nicht ohne Auseinandersetzungen.

Vieles ist neu geworden. Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Von einem Beispiel will ich erzählen. Im Martinszentrum in Bernburg beispielsweise, zeigt sich sehr offensichtlich, wie etwas möglich wurde, was vorher nicht nur unmöglich schien, sondern nicht einmal gedacht werden konnte. Kindergarten, Hort und Schule mit einer christlichen Gemeinde unter einem Dach – das ist das Martinszentrum.

Hier wird die Tradition fortgesetzt, Kinder in den christlichen Glauben einzuführen auch über Schule und Kindergarten, die im Sozialismus – und das war „wissenschaftlich erwiesen“ – zum Ende gekommen war. Was für ein wissenschaftlicher Irrglaube. Wenn den Menschen eine Sache als wissenschaftlich angedient wird, sind wir doch immer wieder in Gefahr, gern zu glauben. Das Etikett „wissenschaftlich“ ist bis heute eines der stärksten Argumente.
Einer der wesentlichen Glaubenssätze – wieder wissenschaftlich begründet, versteht sich – war der: „Der Marxismus-Leninismus ist allmächtig, weil er wahr ist.“

Mich lehren die geschichtlichen Ereignisse Anderes: Wissen ist immer Stückwerk, zeitbedingt und darum begrenzt. Morgen schon können Wissenschaftler glauben, dass es anders sei. Darum: Allein der Glaube an Gott ist ewig weil Gott selbst der Ewige ist.

In den Konfirmandengruppen, mit der Jungen Gemeinde haben wir oft gesungen:

„Seht, man musste sie begraben, die der Welt Gebote gaben,
und ihr Wort hat nicht Bestand.
Ihre Häuser wurden Trümmer, ihre Münzen gelten nimmer,
die man in der Erde fand.

Ihre Namen sind verklungen, ihre Lieder ungesungen,
ihre Reiche Menschenleer.
Ihre Siegel sind zerbrochen, ihre Sprache ungesprochen,
ihre Gesetz gilt längst nicht mehr.

Jesu Name wird bestehen, Jesu Reich nie untergehen,
sein Gebot gilt allezeit.
Jesu Wort muss alles weichen und ihn kann kein Tod erreichen.
Jesus herrscht in Ewigkeit.“

Ja, das haben wir geglaubt und gehofft. Wir hatten aber nicht damit gerechnet, es erfahren zu können. Wir haben nicht geglaubt, das noch zu Lebzeiten mit Bezug auf die DDR zu erleben.

Dafür steht auch das Martinszentrum mit seinen Angeboten – Menschen mit diesem Gott, der in Jesus Christus erfahrbare Wirklichkeit geworden ist, in Berührung zu bringen.

Und noch ein letzter Gedanke ist mir wichtig, der sich mit der Jahreslosung verbindet. Geschichte ist immer eine offene Angelegenheit. Es gibt keine Zwangsläufigkeiten. Gottes Wirkmächtigkeit ist immer größer als unsere Sachzwänge oder Gesetzmäßigkeiten es zuzulassen scheinen. Ist das nicht tröstlich und ermutigend?

Die biblische Geschichte hat gerade 1989 die Geschehnisse gedeutet und ihnen damit auch eine Bedeutung verliehen, die mir und meinem Glauben wichtig ist.
Wer die Geschehnisse – also die Geschichte nicht deuten kann, bleibt ihr ohnmächtig ausgeliefert. Mir verhilft mein Glaube zu einer Geschichtsdeutung, die mir Orientierung für heute und Ermutigung für Morgen gibt.
Im Vertrauen auf die Möglichkeiten Gottes möchte ich in der Gemeinschaft der Schwestern und Brüder in Christus das heute und morgen nötige tun.
Wer Gottes befreiendes Handeln einmal erlebt hat, der trägt einen wunderbaren Glaubensschatz in sich. Nämlich die aus der Erfahrung gespeiste Hoffnung und Gewissheit, dass Gott jederzeit wieder eingreifen und handeln kann.

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich, bei Gott. Amen.

Predigt in Dessau

Der Friede Gottes und die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Zunächst: Ich freue mich sehr, wieder einmal auf der Kanzel der Petruskirche zu stehen und viele vertraute Gesichter zu sehen.
Ihnen allen darf ich die Grüße unserer Landeskirche, insbesondere aber auch die Grüße der Gedächtniskirchengemeinde mit ihrer Partnerschaftskreis-Vorsitzenden Elke Zils überbringen.

Heute also der zweite Teil des Kanzeltausches anlässlich des 20. Jahrestags des Zerbrechens der Mauer, die unser Volk voneinander getrennt hat.

In seinem Grußwort vor einer Woche stellte OKR Manfred Seifert die Frage: „Welche Bedeutung die Partnerschaft für Sie im Westen hatte…...?“ Ich kann gar nicht viel anderes sagen als er. Auch wenn wir auf der Seite der scheinbar grenzenlosen Freiheit saßen, war für uns das „Partner sein“ anders schwierig als für Sie hier. Manche fühlten sich wie die reichen Onkels aus Amerika…aber waren wir das wirklich?

Für mich hat Partnerschaft die einfache Dimension: Christen haben ein Zeichen, das sie verbindet, das ihnen kein anderer geben, aber auch kein anderer nehmen kann: das Kreuz. Dieses Kreuz verbindet uns über alle Grenzen und Weiten hinweg. Es relativiert den jeweiligen Zustand, macht uns hoffnungsvoll in den Bedrängnissen und zurückhaltend in der grenzenlosen Freiheit.
Eins der eindrücklichsten Momente der Partnerschaftsbegegnungen war die Feier in Purley 2007, als Stan Griffiths erzählte, wie er nach dem Hitler-Krieg den tiefen Hass gegen die Deutschen gespürt hat und wie daraus für ihn im Zeichen des Kreuzes die Liebe wurde: eindrücklicher kann man es eigentlich nicht sagen…

Doch nun zum Text, der Ausgangspunkt und Ansatzpunkt unser beider Predigten war: die Jahreslosung 2009.

Oft verschwindet sie ja nach den ersten vier Wochen eines neuen Jahres im Schatzkästlein. Ich selbst nehme sie mir in einem Jahr zu verschiedenen Ereignissen immer wieder vor und versuche sie auf dem Hintergrund des konkret Erfahrbaren zu verstehen oder: das Ereignis auf dem Hintergrund der Losung zu interpretieren:

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lukas 18,27

Mich hat dieses Wort und Manfred Seiferts Frage am letzten Sonntag einfach dazu verführt, in kurzen Anekdoten zu erzählen, wie ich das Erleben um die Mauer herum ganz persönlich aufgenommen und verarbeitet habe:
ich erinnere mich noch genau an den 13. August 1961; es waren Ferien und mein Vater machte mit mir einen Ausflug in die Pfalz. Er hatte einen kleinen Transistor-Radio dabei, den er immer wieder anmachte. Und es kamen immer wieder neue Nachrichten über den Bau der Mauer…..Im Kind löste dies Angst aus, pure Angst vor einem erneuten Krieg und neben mir saß ein Mann, der 1949 aus der russischen Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war: die Angst hatte also ein Gesicht: mein Vater….

Ich füge hier nur an: die Steigerung dieser Angst im Oktober 1962 in der sogenannten Kuba-Krise und hier verstärkt, weil ich mitbekam, wie die Regale in unserem Gemischtwarenladen leerer und leerer wurden, weil Menschen Hamsterkäufe machten. So hatte auch ich einige Dosen in meinem Zimmer versteckt. Verhungern wollte ich genauso wenig wie totgeschossen werden.
Im Sommer 1968 fahre ich erstmals mit dem Zug mit meiner Schulklasse durch die DDR nach Berlin – und wieder ein Erschrecken: Kalte, leere Bahnhöfe: Geisterstimmung, bisher unbekannte Kontrollen…

Dann das große Berlin, der Besuch im Osten: Jugendliche, die einem die Jeans abkaufen wollten; die Mauer von zwei Seiten….

Meine erste Fahrt 1972 mit dem Auto durch die DDR als Student nach Berlin: die Vielzahl der Protokolle, Zeichen staatlicher Schikane, aber auch mein fast obligatorischer Halt am Hermsdorfer Dreieck und Ente mit Rotkohl für 1,57: ein Leckerbissen.

Der immer wieder kehrende Vorwurf bei den Demonstrationen hier: Geht doch rüber! – die Pervertierung der Freiheit.
1981 am 13. Dezember aufgebrochen mit dem Ziel Warschau, aber genau in dieser Nacht des Aufbruchs verhängt Jaruzelski das Kriegsrecht und wir zweigen nach Berlin ab hoffend, dass die Sache sich schnell klärt. Es wird länger und wir besuchen täglich Freunde im Osten… Eine kirchliche Jugendgruppe, die mich fragt, was ich davon halte, dass sie in ein Spielwarengeschäft gehen, einen Panzer kaufen und ihn dann mit einem Hammer zerschlagen. Ich bin irgendwie beeindruckt: Schwerter zu Pflugscharen und wir überlegen wie wir den Kindern die Faschingspistolen ausreden können. …

Am 3. Abend der ahnungslose Besuch bei einem Drusba-Abend, die anschließende Verhaftung und das Verhör in einem Hinterhaus….

Schließlich der Besuch als Lehrer mit einer Schulklasse 1987: viele Details sind mir im Kopf, viele Diskussionen; am meisten aber die eingefangene depressive Stimmung junger Menschen.

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lukas 18,27)
Wie nah ist mir da plötzlich dieses Losungswort im 20. Jahr nach dem Zusammenbrechen der Mauer quer durch unser Land. Die Nachricht von diesem Zusammenbruch – ich weiß es wie heute – erhielt ich auf einem wunderschönen Schiff an den Kais von Luxor. So schnell hatte der Zeitungsverkäufer seine deutschen Zeitungen sicher noch selten verkauft. Das unmöglich zu Denkende, geschweige denn das unmöglich Wirklichkeit Werdende war passiert. Ich sage ganz offen: ich ahnte es nicht einmal. Der Exodus gen Ungarn und Prag – wir sahen ihn als ein Aufbäumen, dem bald der Hahn zugedreht werden würde. Ich betrachtete den Fall der Mauer zu dieser Zeit als menschen-unmöglich. Und ich wusste nicht, ob das wahr war: Wunder – gibt es dich?

Aber es war wohl und zunächst einmal für viele Menschen einfach wunderbar: die Mauer trennte nicht mehr, was zusammen gehörte: Familien, aber auch Freunde, deren Zahl immer weniger geworden war.

Der Wunsch nach Freiheit der Information gesellte sich zur eigenen Meinungsfreiheit.
Die Möglichkeit dorthin zu reisen, wo man bisher nur durch Fernsehbilder oder Romane hinkam – im Westen gar nicht vorstellbar.
Und ich kann hier nur das Greifbare benennen und bin überzeugt, dass vieles mehr sich im Herzen abspielte…

Es waren atemberaubende Tage – für uns im Westen weitgehend als Zuschauer, hier im Osten ganz sicher als eine völlig unerwartete Bewegung. Und an den vielfältig gezeigten Bildern fasziniert mich – ganz grundsätzlich – diese schnellen Bewegungen gen jenseits der Mauer…eine Flucht aus einer weiten und doch so schmerzlichen Enge.

Aber: Es gibt auch viele deren Erwartungen nicht erfüllt wurden. Es gibt die Verlierer der Wende. Für manche haben sich die Erwartungen sogar ins Gegenteil verkehrt. Nein – im Westen ist bei weitem nicht alles Gold, was glänzt. So hatte neue Freiheit auch viel persönliche Unsicherheit zur Folge. Und wie viele verloren plötzlich, was noch ganz zuverlässig erschien: Beschäftigung zum Beispiel und Beruf… Was für ein ganzes Leben reichen sollte, zerfiel. Vertrautes hatte keinen Bestand mehr.eben Bye, bye Lenin…

Wie deuten wir das alles – jetzt 20 Jahre danach im Zeichen unseres Glaubens?
Für diejenigen, die damals die Angst vor Blutvergießen ganz hautnah gespürt haben, ist und bleibt die friedliche Revolution inmitten des Weltenblicks eben doch ein einziges Wunder. (Manfred Seifert sprach vom Traum…)

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lukas 18,27
Haben zumindest damals nicht viele gespürt: die heiligen Räume der Kirche sind etwas anderes, ganz anderes: Orte,
Orte, wo man sowohl geistliche als auch weltlich-politische Wahrheit aussprechen konnte.
Orte, an denen man selbst in aller Freiheit sagen konnte, was man nach dem Maß seiner Einsicht und nicht nach Maßgabe des politischen Übervaters für wahr hielt.
Orte, wo man sich die befreiende Sprache der Bibel leihte
Orte, an denen man laut oder leise die Friedensgebete mit betete.
Und so gestärkt konnte man den Schutzraum Kirche ganz anders verlassen und hinaus ziehen in die Welt…

Noch gab es nicht den ausgereiften Plan….aber viele waren beteiligt….
Eine friedliche Revolution eigentlich undenkbar, aber niemand konnte gehalten werden….
Der Mut von all denen, die skandierten: Wir sind das Volk… wer konnte ihn erahnen?

Es ist und bleibt für mich eben doch ein Wunder, dass dieser grundstürzende Wandel, sich friedlich vollzog –ohne Blut und ohne Rache…
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lukas 18,27

Ist es aber ein Wunder?
Viele meinen ein Wunder bestünde in der Durchbrechung von Naturgesetzen. Aber das entspricht nicht der biblischen Auffassung. Wunder definiert sich als Eingreifen Gottes in die Geschichte.
Gerade dort, wo Kreisläufe von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen werden, dort wird die Handschrift Gottes erkennbar.
Die Angst hier und die Furcht dort enden.
Die Not der Unterdrückten und der Unterdrücker nimmt ein Ende.
Wunder ist einfach das, dass dort Bewegung entsteht, wo wir längst in den Systemen erstarrt sind. Dann bleibt auch nichts, was es war.
So hilft das Wunder tödliche Kreisläufe zu durchbrechen; es kann Hass und Menschenverachtung unschädlich machen; es wendet das schreckliche Schicksal ab, das sich Menschen gegenseitig zufügen oder auch nur androhen.

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lukas 18,27

20 Jahre sind nun vergangenen. Haben wir noch ein Gespür von dem Geschehen damals? Im Osten wird die Antwort auch darauf anders ausfallen als im Westen. Wenn aber Orte wie Rügen und Usedom zu des Deutschen liebsten Urlaubszielen werden, dann ist es doch gut, wenn die Älteren den Jüngeren erzählen: von ihren Ängsten und Sorgen, aber auch ihren Hoffnungen und Träumen. Und in alldem von dem göttlichen Wunder, das in uns nur eins bewirken kann: Dankbarkeit.
Dazu gehört, dass erzählt wird von den Tagen im Herbst 1989 – von den Kerzen und Gebeten, den biblischen Texten und Chorälen, von dem Mut einer friedlichen Masse –
und das zusammen hat sich als unglaublich wirksam erwiesen.

Die Machthaber hatten gewiss anderes vor, aber:
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lukas 18,27

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