28. Mai 2006
Gedanken zum Monatsspruch Juni:
Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen. Galater 5, 1
Ich ärgere mich immer wieder, wenn ich in die Schublade eingeordnet werde, auf der steht „kirchlich gebunden“. Ich fühle mich ganz anders – nämlich frei.
Wer will schon gebunden sein. Mir fällt da eine Frau ein, die vor einiger Zeit wieder in die Kirche eingetreten ist. Die Christenlehre war eine schöne Zeit für sie. Die Gemeinschaft, die biblischen Geschichten gaben ihr das Gefühl der Geborgenheit. Später erlebte sie das Reden von Geboten und Vorschriften, was sie zu tun und zu glauben habe, als Bevormundung und Einengung. Sie empfand sich immer klein gemacht und festgelegt als Christin. Dabei hätte sie sich gewünscht, auf dem Weg zum Erwachsenwerden Rückenstärkung zu bekommen. Dazu kam, dass in der Schule Druck aufgebaut wurde, die Kirche zu verlassen. Mit 20 ist sie aus der Kirche ausgetreten. Für sie war das wie eine Befreiung, sagte sie.
Ich selbst habe an anderem Ort zu anderer Zeit eine ganz andere Erfahrung gemacht. Mich hat der Monatsspruch aus dem Galaterbrief ermutigt, meinen Freiraum auszutesten und den „Herren der Welt“ – der kleinen DDR-Welt – hin und wieder zu widersprechen, weil ich darauf vertraute, dass Christus der Herr aller Herren ist. Das konnte ich nicht allein, aber in der Jungen Gemeinde haben wir uns in diesem Vertrauen gegenseitig bestärkt.
Zurück zu der wieder eingetretenen Frau. Was hat ihren Sinneswandel hervorgebracht? Sie hatte gelernt, sich von Urteilen und Bevormundungen anderer zu lösen. Sie hatte einen Menschen getroffen, der ihr dabei half. Von ihm hörte sie keine Mahnungen und Forderungen. Er sagte ihr auch nicht, was sie zu glauben habe und was zu tun sei. Er teilte die Menschen nicht ein in gut und böse. Aus seinen Worten und aus seiner Haltung sprach viel Gutes und Zuneigung. Dann ist sie Erzieherin geworden. Sie sagt, sie weigere sich, die Kinder in gute und böse einzuteilen. Sie spricht mit ihnen darüber und sagt ihnen immer wieder: „Es gibt nicht liebe und nicht böse Kinder. Alle tun Schlechtes, aber auch Gutes, aber sie sind nicht schlecht oder gut. Wenn einer haut, dann macht er etwas, was dem anderen weh tut“.
Tatsächlich ist die Freiheit eines Christenmenschen nicht unbegrenzt. Sie findet ihre Grenze in dem, was der andere neben mir braucht.
So formuliert Luther seine berühmte These zur Freiheit: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan aber er ist zugleich ein dienstbarer Knecht aller – wie Christus es war – und jedermann aus freiem Herzen und Willen in der Liebe untertan.
Noch einmal zurück zum Anfang. Sie kennen vielleicht auch einen Menschen, der darüber nachdenkt, wieder in die Kirche einzutreten? Ermuntern Sie ihn.
Gewöhnlich ist es nicht, zur Evangelischen Kirche zu gehören. Ungewöhnlich ist es aber auch nicht, über einen Kircheneintritt nachzudenken.
Die Zahl der Menschen, die im vergangenen Jahr in unserer Gemeinde wieder in die Kirche eingetreten sind oder sich haben taufen lassen, ist größer als die Zahl der Austritte.
Es gibt verschiedene Anlässe den Glauben und die Kirche wieder in den Blick zu nehmen. Eine Taufe in der Verwandtschaft, ein Buch, eine Fernsehsendung. Oder ganz andere Anstöße.
Mancher Zweifel begleitet sicherlich diese Überlegungen: Von meinem Glauben her will ich zur Kirche gehören! Aber will ich wirklich auch die Institution, an der ich vielleicht manches auszusetzen habe?
Die Kirche ist immer wieder zu erneuern. Dieser alte evangelische Grundsatz heißt gerade kritische Geister in der Kirche willkommen. Ihnen soll nichts aufgedrängt oder aufgeschwatzt werden.
Wir, Pfarrerin Gisela Seifert und ich sprechen gern mit Ihnen über solche und ähnliche Fragen.
Ihr Manfred Seifert