Evangelische Petrusgemeinde Dessau-Nord

Evangelisch aus gutem Grund

Lebendig eingemauert - und doch frei

1. August 2011

Zugegeben, mich hat es nie sonderlich nach Berlin gezogen. Früher nicht und heute auch noch nicht. Das hängt mit dem 13. August zusammen. In Berlin ist mir die Mauer immer besonders bewusst geworden – weil direkt zu sehen – und das schmerzt besonders. Im August vor 50 Jahren wurde sie errichtet und sie hat uns gezeigt, was man da „oben“ von uns hält.

Lebendig eingemauert, keine Freiheit, dafür soziale Sicherheit – wie in der Sklaverei. Wenn keine Leistung mehr für den Staat erbracht werden konnte, sondern man selbst zum Leistungsempfänger wurde (Rentner), dann öffnete sich einem die Mauer – eher nicht. Menschenhandel an der Mauer, Rentner die kosteten, durften in die Freiheit ziehen. Andersdenkende, die zu Feinden erklärt und verurteilt werden, wurden für Bares verkauft. Genauso ging es Menschen, die einfach weg wollten, zu Verwandten etwa.

Und wer nicht eingesperrt und verkauft wurde, war Der Doofe Rest, der geblieben war – DDR – bittere Selbstironie.
Und zum Hohn wurden wir dann auch noch für dumm verkauft, indem uns einzureden versucht wurde, die Mauer diene nur zu unserem Besten und schütze uns. Dem widersprechen die vielen Mauertoten bis heute.

Unter solchen Bedingungen geht jede Freiheit ein, möchte man meinen. Aber es kam anders. Menschen nahmen sich Freiheiten, die wussten, dass über denen da „oben“ mit ihrem Glauben an die „objektiven Gesetzmäßigkeiten der Geschichte“ ein Höherer existiert. Dessen Wahrheit macht wirklich frei – auch unter den Bedingungen der Unfreiheit. „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit“ bezeugt die Bibel.

Ich hatte diese Freiheit in den bergenden Mauern der Kirche gefunden und konnte sie dort leben mit anderen Glaubenden und nicht Glaubenden. Dort wurde die Freiheit stark und stärker. Es war eine Freiheit mit Bindung an Gott.

Nach Gebeten und mit Kerzen gingen dann Menschen auf die Straßen und Plätze. Und dann war sie auf einmal weg. Weggestammelt auf einer Pressekonferenz von einem von „oben“. Wahnsinn! „Dem von ganz oben“ sei Dank!

Manfred Seifert

Petruskirche Dessau
Wilhelm-Müller-Straße 1
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