2. Juli 2006
Gedanken zum Monatsspruch im Juli
Wer da bedrängt ist findet
mauern, ein
dach und
muss nicht beten.
Das hat der Dichter Reiner Kunze über ein Pfarrhaus in der DDR geschrieben. Ich selbst habe auch viele solche Pfarrhäuser in meiner Jugend gesucht und gefunden. Inzwischen wohne ich nun schon seit fast 30 Jahren selbst in einem Pfarrhaus.
So ist das oft am Wochenende. Es klingelt an der Tür. Freitagnachmittag oder Sonnabend abends – also zu einer Zeit, wo alle Ämter und Beratungsstellen geschlossen sind. Allein das Pfarramt hat durchgehend geöffnet.
Es klingelt noch einmal, fast unverschämt kurz nacheinander. Es muss dringend sein. Eigentlich wollte ich jetzt den Gottesdienst vorbereiten. Ich haste die Treppe runter, öffne die Tür und vor mir steht ein unbekannter Mann. Eine wenig gepflegte Erscheinung. „Sind sie hier der Pfarrer?“ Wenn ich jetzt sagen würde: „Nein, es tut mir Leid, ich bin nur der Mann der Pfarrerin“ wäre ich ihn vielleicht los. Aber ich sage: „Meine Frau ist hier Pfarrerin“ – und füge schnell hinzu – „aber ich bin auch Pfarrer.“ Das versteht der Mann als Einladung, mir seine Geschichte zu erzählen, die mir klar machen soll, warum er jetzt dringend meine Hilfe, mein Geld braucht. Es ist wie meist eine abenteuerliche Geschichte. Sie kann stimmen oder nicht. Kein Mensch kann sie nachprüfen. Er muss unbedingt noch heute Abend weg von hier und braucht darum das Geld für die Fahrkarte. Er wird es mir wiedergeben. Ich weis, dass das nichts wird. Und ich gebe ihm das Geld, obwohl ich vermute, dass sein Ziel die nächste Tankstelle sein wird. Oder auch nicht. Ich will ihm ja nicht Unrecht tun. Was würden Sie tun?
Vielleicht kennen Sie den Menschen schon, für den Sie die letzte Tür sind, an die er klopft und die ihm aufgemacht wird.
Ihr Manfred Seifert