Evangelische Petrusgemeinde Dessau-Nord

Evangelisch aus gutem Grund

Nicht getraut?

1. Mai 2009

Gedanken zum Monatsspruch im Mai:

Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.
Apostelgeschichte 4, 20
(Petrus und Johannes in einem Verhör vor Gericht.)

„Mögen hätt’ ich schon wollen, aber dürfen hab’ ich mich nicht getraut.“ (Karl Valentin).

Dieser etwas skurrile Ausspruch beschreibt eine Erfahrung, die sicherlich viele kennen. Ich hätte etwas sagen sollen, ja müssen, aber hab’ mich nicht getraut. Ich bin als Christ nicht erkennbar geworden. Und dann ist auch schon die Gelegenheit wieder vorüber. Und ich ärgere mich über mich selbst.

Ganz anders die Erfahrung von Jacob, die er rückblickend als 21-Jähriger beschreibt.

„Als jemand, der im tiefsten Ostdeutschland aufgewachsen ist und früh lernte, dass Religion auch zum Stigma werden kann, fiel es mir bis zur Mittelstufe schwer, über mein Christsein zu sprechen. Ich legte mir selbst eine Selbstzensur auf und gab mich kaum offen als Getaufter zu erkennen. Angst vor Ablehnung und Zurückweisung verschlossen mir oft die Zunge. Doch als ich in die Oberstufe nach W. kam, machte ich mir zum ersten Mal bewusst, wie wichtig es ist, über seine Ansichten, seine Weltanschauung, über, pathetisch gesagt, den Sinn des Lebens, den jeder sucht, zu reden. Ich fing plötzlich auf einer Geburtstagsfeier eines Freundes an, meinem Tischnachbarn die Gretchenfrage* zu stellen. Wie ein Wasserfall barst es aus mir heraus und ich fing an, zum ersten Mal mit meinen religionsunerfahrenen Freunden über meinen Glauben zu streiten. Meinen Ruf, urplötzlich mit jedem über Gott und die Welt reden zu können, wurde ich nicht mehr los. Bis zum Abitur gab es viele Abende, bei denen mir im Gespräch mit anderen klar wurde, wie wichtig mir der Glaube geworden war. Ich begann, im atheistischen Umfeld mein Christsein offen zu vertreten und mitunter offensiv zu verteidigen. Heute stehe ich unverhohlen dazu. Dann streite ich auch schon mal mit Bekannten darüber, ob wirklich schon im Oktober die Weihnachtsdekoration in den Schaufenstern hängen sollte oder mich ärgert, dass viele Leute die Bedeutung von Ostern nicht kennen und schon am Karfreitag das Osterfeuer anzünden. Dann denke ich an das Kirchentagslied von den Wise Guys „Lebendig und kräftig und schärfer“ und fühle mich bestätigt im Grübeln über die Fragen aller Fragen.“

Heute gehört für mich auch dazu, dass Christen rechtsextreme Gedanken, wo immer sie im Raum der Kirche geäußert werden, nicht unwidersprochen stehenlassen. Dies unterstreicht auch ein Synodalbeschluss vom 25. April 2009.

Gott schenke uns seinen Pfingstgeist, der ermutigt und Verständigung schafft.

Ihr Manfred Seifert

*Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Als Gretchenfrage bezeichnet man eine direkte, an den Kern eines Problems gehende Frage, die die wahren Ansichten des Gefragten im Sinn hat. Sie ist dem Gefragten meistens unangenehm, da sie ein Bekenntnis verlangt, um das dieser sich bisher herumgedrückt hat.
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